@beavisbee: Ich hab mir den Hurd-Kernel im Detail noch nicht angeschaut, aber ich halte eine Mikrokernel-Architektur allgemein für leichter wartbar und wenn sauber programmiert auch für sicherer als klassische monolithische Kernel. Es gibt einfach weniger mögliche Fehlerquellen, die z.B. das Rechtemanagement betreffen, da es dafür saubere Schnittstellen zum Kernel gibt, die genutzt werden müssen. Unter Linux hingegen kann man quasi jede Kernel-Funktion direkt aufrufen ohne sich an restriktete Schnittstellen halten zu müssen. Das macht die Entwicklung zwar einfacher, aber nunmal auch fehleranfälliger.
@Chris_XY: Ansprüche und Erfahrungen ändern sich. Wenn man mal einen modernen Desktop genutzt hat und mehr auf Usability als auf Minimalistik achtet, wird man sehr schnell feststellen, dass DMs und WMs wie LXDE oder XFCE lediglich die Basis-Funktionalitäten umsetzen, die man eben auch unter Windows95 schon kannte. Wenn man sich dran gewöhnt hat, ist das auch vollkommen ausreichend und sofern ich an einem Linux-Desktop arbeiten muss, bevorzuge ich immernoch LXDE, da er Shortcut-mäßig und Look&Feel-mäßig sehr nah an KDE3 rankommt. Wenn ich aber die Wahl habe, nutze ich lieber ein MacOSX mit netten Grafik-Effekten, immer gleich aussehenden Fenstern, immer gleichen WM-Shortcuts und erweiterten Funktionalitäten wie in den Desktop integrierten Dateimanager, Indexing-System usw. Mit solchen Funktionalitäten kann sich unter Linux höchstens KDE oder Gnome messen und bei denen ist sowas zumeist sehr ressourcenfressend umgesetzt.
Ein einfaches Beispiel: Nutze ich unter MacOS oder Windows auf einem Laptop einen 3D-Bildschirmschoner, bleiben die Lüfter weiter im Idle-Betrieb. nutze ich hingegen unter Linux einen OpenGL-Bildschirmschoner, springen schon nach kurzer Zeit die Lüfter an, weil die Grafikkarte und die CPU hochgetaktet werden müssen, damit die Darstellung flüssig ist. Ich nutze aber nunmal bevorzugt Laptops um Strom zu sparen, da kann ich es nicht gebrauchen, dass die auf Hochleistung laufen, nur weil der Bildschirmschoner anspringt. Ich hab aber auch keine Lust auf 3D-Bildschirmschoner zu verzichten, nur weil die OSS-Community es nicht auf die Reihe bekommt mal ihre GL-Schnittstellen anständig zu implementieren. Ergebnis: Ich verzichte lieber auf OSS-Software als auf Komfort.
Ein weiteres Beispiel für die Unzulänglichkeit von OSS. Ich nutze ja nun relativ gern Twitter. Schonmal Twitter-Clients von Linux und Mac verglichen? Ich schon und ich musste feststellen, dass es unter Linux keinen Client gibt, der auch nur annähernd die Funktionalitäten umgesetzt hat, die ich mittlerweile mit Tweetie auf dem Mac habe. Das hat mich auch nicht weiter gestört, weil ich es nicht anders kannte. Mittlerweile kenne ich es aber anders und bin nicht mehr bereit darauf zu verzichten. Würde ich aber alle Funktionalitäten, die ich mittlerweile durch ein kommerzielles OS gewohnt bin, unter Linux nachbilden wollen, würde ich meine sämtliche Freizeit mit Programmieren verbringen müssen.
Kurzum: Ich habe einfach keine Lust mehr ständig auf Funktionalitäten zu verzichten und seien es so einfache Dinge wie 3D-Bildschirmschoner, Indexing sämtlicher Daten auf meinem Rechner oder einen anständigen Twitter-Client. Nachdem ich einmal bereit war mich auf kommerzielle Software einzulassen, musste ich einfach feststellen, dass diese qualitativ hochwertiger ist, als alles, was ich jemals im OSS-Bereich kennengelernt habe. Bis auf wenige Ausnahmen (z.B. OpenOffice oder Firefox) ist OpenSource-Software zumeist funktional als auch in der Benutzerfreundlichkeit minderwertiger als vergleichbar kommerzielle Tools. Die OpenSource-Software, die qualitativ wirklich hochwertig ist, entstammt aber zumeist ehemals kommerziellen Produkten (OpenOffice von StarOffice, Firefox von Netscape, OpenSolaris von Sun Solaris usw.) und wird auch zumeist noch unter der Schirmherschafft der Firmen weiterentwickelt.
Damit OSS sich in Zukunft noch mit kommerziellen Programmen messen kann, wird das "Ich entwickle Software für mich" zu "Ich entwickle Software für mich und die Community" werden müssen, wie man es z.B. derzeit bei OpenSolaris erlebt. Solange dieses Umdenken nicht erfolgt, wird OSS immer ein Nischenprodukt bleiben, das gegen andere Systeme und Software nur verlieren kann. Die Eingefahrenheit der Kernel-Entwickler ist dabei nur eines von vielen Beispielen. |