[TdW 27] Ist Cyberwar der neue Terrorismus?

Tarantoga

Moderator
Diesmal beschäftigt sich das Thema der Woche mit der Frage ob der sogennannte Cyberwar der neue Terrorismus ist. Obwohl man hier natürlich auch über Risiken, Gefahren und Strategien von Cyberwar, bzw. Cyberterrorismus diskutieren kann, steht für mich aber doch eher die Frage im Vordergrund, ob es sich bei dieser Thematik nicht mal wieder um einen vorgschobenen Grund handelt, um Gesetze und Überwachung zu verschärfen.
Schon immer haben es gewisse Menschen verstanden Angst und Unsicherheit anderer Menschen zu ihrem eigenen Vorteil auszunutzen. So schüren z. B. konservative oder rechtslastige Parteien in Zeiten des Wahlkampfes gerne Ängste vor steigender Kriminalität, nur um sich selbst dann als Law&Order-Partei zu generieren, die als einzige stark und willens genug ist, um die Gesellschaft vor diesen Gefahren zu beschützen. Wie effektiv diese Strategie sein kann, haben die Nazis nach dem Reichstagsbrand bewiesen, indem sie mit der sogenannten Reichstagsbrandverordnung die Grund- und Bürgerrechte der Weimarer Republik außer Kraft setzten - natürlich nur zum Schutz vor kommunistischen Aufrührern. So wurde letztendlich der Weg in die totalitäre Hitler Dikatur geebnet.
Ein sehr viel aktuelleres Beispiel ist der 11. September - noch bevor sich der Rauch über Ground Zero ganz verflüchtigt hatte, reichten Sicherheits- & Überwachungsfanatiker in aller Welt bei ihren Regierungen Gesetze und Vorschläge ein, von denen sie schon immer geträumt hatten, die aber mit den Grund- & Bürgerrechten ihrer Staaten kollidierten. Und unter dem Eindruck des Schocks von 9/11 nickten die Parlamente viele dieser Gesetze ab und höhlten die Grund- und Bürgerrechte dabei häufig in schockierender Weise aus.
Mittlerweile ist das Thema Terrorismus ein wenig abgenutzt, Osama ist tot und ein neuer "Terrorfürst" konnte noch nicht aufgebaut werden - und schon wird immer öfter und immer heftiger vor den neuen Gefahren des Cyberwars gewarnt. Daher die Frage: Ist der Cyberwar wirklich eine so drängende Gefahr oder handelt es sich bei den dringlichen Warnungen lediglich um vorgeschobene Gründe um Rechte weiter zu beschneiden, Gesetze zu verschärfen und die Überwachung weiter auszubauen? Ist Cyberwar der neue Terrorismus?
 

xrayn

New member
Ich habe den Vergleich schon mal gezogen: Ab einen bestimmten Punkt wird ein System (sei es nun der Finanzmarkt oder das Internet) so komplex (oder positiv: bietet eine große Anzahl an Möglichkeiten), dass nur noch eine kleine Gruppe (Elite) das Verständnis für und über das System mitbringt. Der Rest sieht nur noch Wetten auf fallende Kurse oder illegale Downloads und fordert eine strengere Regulierung des Systems. Soviel zu deinem ersten Punkt.

Zum Thema Cyberwar: Ich glaube zZ wird das Thema noch ein bisschen gehypt, weil es einfach cool ist über Dinge, die mit dem Internet zu tun haben, zu berichten. Nichtsdestotrotz sollten die Gefahren nicht unterschätzt werden, da Angriffe auf elektronische Systeme einen ziemlich realen Schaden verursachen können (Stuxnet) und wir bereits in einer Welt leben, in der wir ohne elektronische Systeme nicht mehr leben könnten. Deshalb wird/kann/ist Cyberterrorimus durchaus eine reale Gefahr, wenn zB wichtige digitale Infrastrukturen lahm-gelegt wird.
 

bitmuncher

Senior-Nerd
Sollte die Frage nicht eher lauten ob Cyberwar der neue Staatsterror ist? Mir sind bisher keine Cyberwar-Attacken bekannt, hinter denen nicht irgendwelche Geheimdienste saßen. Gehen wir also davon aus, dass auch Geheimdienste Terrorismus betreiben und somit Terror-Organisationen sind, ist Cyberwar vermutlich der neue Terrorismus. Gehen wir davon aus, dass Staaten keine Terrorismus-Organisationen sind, kann Cyberwar kaum der neue Terrorismus sein. Können wir letzterem nicht zustimmen, sollten wir aber mal ganz stark in's Grübeln kommen.

Aber mal unabhängig von der Wortklauberei... Cyberwar ist nichts neues und somit auch kein neuer Terrorismus. Er wird nur in den Medien jetzt häufiger erwähnt, weil mal ein paar der Waffen aus diesem virtuellen Krieg an's Tageslicht geholt wurden und die Medien mittlerweile einen grösseren Fokus auf das Internet haben. Angriffe über das Netz sind aber bereits lange Teil der (kalten) Kriegsführungen geworden. Bisher wurden sie aber nicht plump mittels Viren ausgeführt sondern durch "manuelle" Angriffe z.B. auf Satelliten, auf Infrastruktur-Komponenten zur Kommunikation usw., durch Manipulation von Nachrichtenseiten der angegriffenen Länder uvm.. Dass mittlerweile Viren eingesetzt werden, zeigt eigentlich nur wie dreist die Politik und ihre Geheimdienste bereits geworden sind. Sie halten es offenbar gar nicht mehr für notwendig im Verborgenen zu agieren. Auch das sollte uns durchaus zu denken geben, denn... Die USA fahren Angriffe gegen andere Länder und gleichzeitig drohen sie jedem mit Krieg, der solche Angriffe auf die USA durchführt. Sie halten es auch nicht für notwendig ihre Angriffe zu verbergen, da sie sich offenbar als unangreifbar betrachten.
 

Chromatin

Moderator
Mitarbeiter
Ich habe den Vergleich schon mal gezogen: Ab einen bestimmten Punkt wird ein System (sei es nun der Finanzmarkt oder das Internet) so komplex (oder positiv: bietet eine große Anzahl an Möglichkeiten), dass nur noch eine kleine Gruppe (Elite) das Verständnis für und über das System mitbringt. Der Rest sieht nur noch Wetten auf fallende Kurse oder illegale Downloads und fordert eine strengere Regulierung des Systems. Soviel zu deinem ersten Punkt.

Die Ambitionen von Staaten gehen weitaus weiter als die üblichen Kungeleien minderbegabter Politiker. Es sind schon seit den 90ern Bestrebungen im Gange, die grundlegende Kontrolle der ICANN/IANA (also den Amis) zu entziehen und der ITU zuzuschanzen (also der UNO). Für ebenso minderbegabte Weltbürger klingt das ebenso toll. Im Grunde gebe ich Dir aber Recht: Die Kluft zwischen den menschen die ein technisches Grundverständnis vom Netz haben - und den reinen Benutzern, wird größer und ist in wenigen Jahren unüberwindbar.

Allerdings ist dieses Entwicklung auch nicht neu und sie vollzieht sich immer dort, wo sich ein Markt etabliert: Wer kann Nutzvieh grossziehen? Wer kann Gemüse anbauen, wer kann sich Werkzeuge herstellen, wer kann Weben oder nähen?


Zum Thema Cyberwar: Ich glaube zZ wird das Thema noch ein bisschen gehypt, weil es einfach cool ist über Dinge, die mit dem Internet zu tun haben, zu berichten. Nichtsdestotrotz sollten die Gefahren nicht unterschätzt werden, da Angriffe auf elektronische Systeme einen ziemlich realen Schaden verursachen können (Stuxnet) und wir bereits in einer Welt leben, in der wir ohne elektronische Systeme nicht mehr leben könnten. Deshalb wird/kann/ist Cyberterrorimus durchaus eine reale Gefahr, wenn zB wichtige digitale Infrastrukturen lahm-gelegt wird.

Die erste Gefahr ist doch unsere eigene Dummheit, indem wir wichtige - vitale - Systeme in die Abhängigkeit unzulänglicher Systeme treiben.

Das wäre so als würde man in einem Pariser Kreisel ein Ampelsystem installieren, dem dem man genau weiß, dass es nicht funktioniert - Fahrlässig.

Trotz alledem kann man das ja leider nicht auf einer philosophischen Ebene diskutieren :)

Ich denke also, dass unser praktisches Problem tatsächlich in der Kluft zwischen Experten (also den richtigen.. ) und einfachen Benutzern liegt.
Das zwangsweise einziehende Unverständnis bietet erstklassigen Nährboden für die falschen Propheten mit ihren Gesetzen und Kontrollstrukturen. Die sog. "digital Natives" ist eine verarschte Generation, denen man das nötige Rüstzeug für die "digitale Revolution" vorenthaelt: Sie haben leider nicht das Rüstzeug um den Kampf gegen den Bullshit zu führen - es fehlt ihnen an der nötigen Qualifikation. Zwar fällt ihnen der Umgang mit der Technik leicht. Aber was dass Verständnis der Technologie angeht, so sind die meiner C64er Generation weit unterlegen.


In diesem Sinne finde ich auch bitmunchers "Wortklauberei" durchaus angemessen: Das Thema bietet die gleiche inhaltliche Substanz wie der Irakkrieg, 9/11 und überhaupt eben wie alles worüber viel berichtet wird, aber kaum einer weiß worum es überhaupt geht.
 
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