[TdW 73] Sind die Proteste in der Türkei der Beginn eines Umsturzes?

Tarantoga

Moderator
Diesmal kann sich das TdW eigentlich nur mit der Lage in der Türkei beschäftigen, die derzeit extrem angespannt ist. Aus den Protesten gegen die Abholzung eines Parks in Istanbul, wurde innerhalb kürzester Zeit eine landesweite Protestbewegung gegen den autokratischen Regierungsstil Erdogans.
Weitgehend unkommentiert von westlichen Politikern & Medien haben Recep Tayyip Erdogan und seine religiös-konservative Partei AKP die laizistischen Prinzipien der Türkei in den letzten Jahren mehr und mehr aufgeweicht. Während die Wirtschaft modernisiert wurde und stetig wachsenden Wohlstand produziert, wurde die Gesellschaft wieder stärker an religiösen Traditionen ausgerichtet. Dem Militär, das bislang eisern an dem laizistischen Erbe Atatürks festgehalten hat, hat Erdogan die Zähne gezogen und unzählige Offiziere in den Ruhestand oder den Knast geschickt - doch jetzt regt sich scheinbar Widerstand im Volk.
Zuerst hat Erdogan diese unbequeme Opposition als Atheisten, Alkoholiker und Plünderer verunglimpft, mittlerweile ist die Rede von Terroristen. Und entsprechend hart lässt Erdogan die Polizei gegen die Demonstranten vorgehen - sogar Tote hat es schon gegeben.
Vor diesem Hintergrund: Sind die Proteste in der Türkei der Beginn eines Umsturzes?
 

GrafZahl

Member of Honour
ich sags mal so: Erdogan macht sich gerade äusserst beliebt ... er will nach eigenen angaben (mindestens) bis zum 100 Jährigen bestehen der türkei regieren ... 2023 ... das muss ich wohl nicht weiter kommentieren

seinen rückhalt hat er bei den religiösen fundis und die werden ihm vermutlich auch größtenteils treu bleiben ... was er aber aktuell verliert ist das bischen rückhalt was er durch den ökonomischen boom der türkei während seiner amtszeit bei intelektuellen und in der wirtschaft angesammelt hat ... mit den fundis lässt sich recht wenig funktionierende konkurenzfähige wirtschaft betreiben ... die leute die was auf dem kasten haben, wenden sich ab, sprich hören auf ihn zu wählen, und/oder verlassen das land wenn es zuviele repressalien werden, oder sie im ausland bessere chancen sehen ... kurzum das was erdogan zu seinen 50% verholfen hat bei der letzten wahl, der ökonomische boom, wird gerade nachhaltig von ihm selbst torpediert ... die einkaufszentren die er vorangetrieben hat sind zum teil mit für das wachstum verantwortlich ... aber dass es an dieser stelle eine sättigung gibt blendet man geflissenlich aus, und will noch bis zu 100 weitere bauen ... sprich wirtschaftliches handeln sieht anders aus ... wenn es mit der regierung erdogan so weitergeht, prophezeie ich mal wirtschaftliche schwierigkeiten was das wachstum anbelangt innerhalb der nächsten 5 jahre ... daran sind dann überigends die "terroristen" schuld ... keinesfalls die kurzsichtigkeit der regierung erdogan ... DASS es mit der tour so weitergeht ist aber meiner meinung nach recht unwahrscheinlich, da erdogan die lage mehr und mehr entgleitet:

er sprich immernoch von einer kleinen (!) minderheit ... von einigen wenigen die der merheit ihren willen aufzwingen wollen ...

die bilder die ich gesehen habe lassen nicht unbedingt auf "einige wenige" schließen ... aber der punkt ist, es werden kontinuierlich mehr ... das nicht zu sehen grenzt nicht nur an realitätsverlust ... aber ok, nennen wir es ruhig taktische desinformation ... nur ... wen desinformiert er denn da? seine politischen gegner im land würden eher grundstücke im kürzlich wiederaufgetauchen atlantis kaufen als ihm auch nur ein wort zu glauben ... bleiben also seine anhänger die ihm zuhören ... ist es schon so weit dass er diese so "informieren" muss? oder ist das nur die übliche selbstbeweihräucherung? realitätsverzerrung in dieser größenordnung assoziiere ich sonst mit leuten wie kim jong un oder erich honnecker ...

dass er auf diese weise die öffentliche meinung nicht mehr kontrollieren kann sieht man spätestens bei der umdeutung eines begriffes wie "capulcu" (plünderer/marodeur) mit dem er versuchte die demonstranten zu verunglimpfen ... ähnlich dem streisand effekt hat er das genaue gegenteil erreicht ... es identifizieren sich menschen in aller welt mit dem begriff ...

das sind zig-tausende menschen, die sich seit tagen nicht vertreiben lassen und die seit tagen seinen rücktritt fordern ... die werden nicht einfach alle wieder nach hause gehen und zukünftig wieder brav das kreuzchen bei der AKP machen ... die kann man auch nicht alle einsperren ... ich stelle mir ganz einfach nur die frage was will er tun um der lage herr zu werden? tränengas, wasserwerfer und schlagstöcke scheinen genauso wie massenhafte verhaftungen das gewünschte ergebnis verfehlt zu haben ... welche eskalations stufen hat er denn noch? ... seine anhänger zu mobilisieren wie er es gerade vorbereitet, hat defacto das selbe resultat wie scharf schießen zu lassen ... offener bürgerkrieg ... das einzige mittel was ich sehe was daran vorbei führt währen neuwahlen ... denen wir er nicht zustimmen, ausser er weiß das er sie gewinnen wird ... und das sehe ich auf legalem weg nicht ... nein doch, wartet ... erste hochrechnungen gehen von 103% aus ...

alles in allem, leben wir in interessanten zeiten ... im chinesichen sinne ...
 

overflow

Member of Honour
Naja ich mit türkischen Wurzeln, der sich seit 10 Jahren mit ihm beschäftigt, kann einiges dazu sagen : )

Hinter Erdogan und seinem Vorgehen verbergen sich viele Dinge,
die nicht nach Außen vordringen (liegt daran, dass fast alle türkischen Medien ihm gehören).

Fakt ist, auch wenn es abwertend rüber kommt, dass Leute die was auf dem Kasten haben gegen ihn sind, und dass seine Wähler fast nur "Bauern" sind.

Man braucht sich nur die Demonstranten anschauen.
Meistens nur zivilisierte junge dynamische Studenten oder Bürger der Oberschicht bzw. gebildete Menschen.

Erdogan hat bereits vor über 10 Jahren angefangen durch "Vereine" wie Yimpas oder Deniz Fenerli Spendengelder zu sammeln und sich dadurch zu bereichen. Auch meine Großmutter hat ihm damals 15.000 DM überwiesen.
Das Geld ist nun futscht.

Er versucht das "Volk" zu splitten bzw. versucht nicht Sünniten zu verdrängen.
Beispiel: In Istanbul wird eine neue Brücke gebaut, welche "Yavuz-Sultan-Selim-Brücke" heißen soll. Yavuz-Sultan-Selim hatte jedoch nie etwas mit Istanbul zu tun. Er war dafür bekannt 10 Tausende von Aleviten gejaggt und getötet zu haben. Das geht ganz klar in Richtung Manipulation.

In Istanbul sind auf einer Fläche von 5.461 km² fast 7000 Moscheen und er möchte weitere bauen. Die Menschen wollen keine Moscheen mehr.

Für mich ist das ganz klar eine Islamisierung. Die Türkei ist m.E. der einzige islamische Staat, der europäisch gerichtet ist. Türken sind keine Araber : )

Fördergelder von Theater wurden gestrichen, weil Shakespeare gespielt wurde. Herr Erdogan möchte das osmanische Stücke im Theater gespielt werden.

Er hat die "reichsten" Türken ausradiert.
Beispiel: Der Name fällt mir nicht mehr ein.
Er war der größte Bankier. Hatte duzende Autos vor der Tür stehen, unter anderem einen Hummer im Wert von 2 Mio.
Wurde verhaftet weil er Prepaidkarten im Wert von 1,5 Mio im Keller hatte.
Ähm Hallo ?

Mit dem ganzen "erbeuteten" Geld hat er ein Unternehmen namens "Toki" gegründet.

Alle großen Generäle wurde festgenommen, damit er die "alleinige" Macht über das Land hat. Dadurch konnte er unter anderem sicherstellen dass die türkische Spezialeinheit "Cevik kuvvet", (türkisches FBI), nur ihm dient.

Diese Polizisten gehen sogar nachts in Wohnungen, während die Bürger schlafen, und zünden Gasbomben, schießen auf Verwundete, nehmen Ärzte fest, weil Sie verwundeten helfen.

Gibt noch duzende Punkte, die ich noch aufzählen könnte...

Meine Meinung hier zu ist:
Man sollte ein Staat nicht mit einer Glaubensrichtung führen.

Das sind leider keine Verschwörungstheorien, sondern die Wahrheit.
 

Tarantoga

Moderator
Eins muss ich hier loswerden: Ganz egal wie die Sache ausgeht, schon jetzt haben die Türken imho die Protestkultur um eine neue Facette erweitert - der stumme, passive Protest den der "stehende Mann" vom Taksim-Platz begründet hat, ist imho ein genialer Schachzug.
Viele Proteste der jüngsten Vergangenheit, z. B. die Proteste zu Beginn des "arabischen Frühlings", die Proteste in der Türkei und auch die aktuellen Proteste in Brasilien, aber auch die S21-Proteste in Stuttgart, die Occupy-Proteste in New York und die Blockupy-Proteste in Frankfurt wurden brutal niedergeknüppelt. Und als Vorwand für das "harte Durchgreifen" galt der Staatsmacht stets die Behauptung die Gewalt sei von radikalen Teilnehmern der Demonstrationen ausgegangen. Auch in Zeiten von Handy-Kameras lassen sich solche Behauptungen nur schwer verifizieren oder gar widerlegen. Außerdem ist das Prinzip des Agent Provocateur älter als die modernen Nationen - schon im alten Rom war es üblich Schläger unter die Anhänger des politischen Gegners zu mischen, die Krawalle anzetteln sollten und den Rivalen so als politischen Brandstifter, dessen Anhänger als gewaltbereiten Pöbel und als Gefahr für die öffentliche Sicherheit zu brandmarken.

Doch ein Protest der darin besteht stumm und reglos herumzustehen und z. B. auf ein symbolträchtiges Bauwerk oder Denkmal zu blicken, ist schon deutlich schwerer in Misskredit zu bringen. Unter Menschen, die ihren Protest reglos und stumm zum Ausdruck bringen, fallen Agent Provocateurs (oder andere Störenfriede) nicht nur auf wie bunte Hunde (und sind dadurch auf Videomaterial vermutlich recht gut zu identifizieren), es wird auch erheblich schwerer sie als randalierenden, plündernden Mob darzustellen...;)

Von daher möchte ich mich hier ausdrücklich bei Erdem Gündüz, dem stehenden Mann, bedanken: Danke! Jetzt kennen wir eine neue Protestform, die der Staatsmacht den Wind aus den Segeln nimmt - wer stumm und reglos protestiert ist eben kein Steinewerfer, kein geifernder Radikaler und kein gewaltbereiter "Berufsdemonstrant" mit Profilneurose!

Ich könnte mir gut vorstellen das die Form des Protests, ebenso wie das zeigen der Schuhsohle als Zeichen der Verachtung, auch in der westlichen Protestkultur ein Platz findet.
 

Wassi

New member
Eins muss ich hier loswerden: Ganz egal wie die Sache ausgeht, schon jetzt haben die Türken imho die Protestkultur um eine neue Facette erweitert - der stumme, passive Protest den der "stehende Mann" vom Taksim-Platz begründet hat, ist imho ein genialer Schachzug.
Viele Proteste der jüngsten Vergangenheit, z. B. die Proteste zu Beginn des "arabischen Frühlings", die Proteste in der Türkei und auch die aktuellen Proteste in Brasilien, aber auch die S21-Proteste in Stuttgart, die Occupy-Proteste in New York und die Blockupy-Proteste in Frankfurt wurden brutal niedergeknüppelt. Und als Vorwand für das "harte Durchgreifen" galt der Staatsmacht stets die Behauptung die Gewalt sei von radikalen Teilnehmern der Demonstrationen ausgegangen. Auch in Zeiten von Handy-Kameras lassen sich solche Behauptungen nur schwer verifizieren oder gar widerlegen. Außerdem ist das Prinzip des Agent Provocateur älter als die modernen Nationen - schon im alten Rom war es üblich Schläger unter die Anhänger des politischen Gegners zu mischen, die Krawalle anzetteln sollten und den Rivalen so als politischen Brandstifter, dessen Anhänger als gewaltbereiten Pöbel und als Gefahr für die öffentliche Sicherheit zu brandmarken.

Doch ein Protest der darin besteht stumm und reglos herumzustehen und z. B. auf ein symbolträchtiges Bauwerk oder Denkmal zu blicken, ist schon deutlich schwerer in Misskredit zu bringen. Unter Menschen, die ihren Protest reglos und stumm zum Ausdruck bringen, fallen Agent Provocateurs (oder andere Störenfriede) nicht nur auf wie bunte Hunde (und sind dadurch auf Videomaterial vermutlich recht gut zu identifizieren), es wird auch erheblich schwerer sie als randalierenden, plündernden Mob darzustellen...;)

Von daher möchte ich mich hier ausdrücklich bei Erdem Gündüz, dem stehenden Mann, bedanken: Danke! Jetzt kennen wir eine neue Protestform, die der Staatsmacht den Wind aus den Segeln nimmt - wer stumm und reglos protestiert ist eben kein Steinewerfer, kein geifernder Radikaler und kein gewaltbereiter "Berufsdemonstrant" mit Profilneurose!

Ich könnte mir gut vorstellen das die Form des Protests, ebenso wie das zeigen der Schuhsohle als Zeichen der Verachtung, auch in der westlichen Protestkultur ein Platz findet.

Tolle Worte! Dem kann ich wirklich nur zustimmen und schön wärs!!
 
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